15.02.12
Chemieunternehmen: Im zyklischen Abschwung trennt sich die Spreu vom Weizen
Keine Krise in Sicht, doch wird das Geschäft schwieriger
Die Staatsschuldenkrise hinterlässt ihre Spuren in der Realwirtschaft: Für die meisten Länder der Europäischen Union wird mit einer Rezession gerechnet. Das spürt auch die deutsche Chemieindustrie, denn die Rezession trifft einige ihrer wichtigsten Kunden – darunter die Branchen Bau, Elektronik und die Volumenhersteller der Automobilbranche. Sie berichten seit Sommer 2011 über schwächere Geschäfte. Diese Tendenz dürfte sich mit Blick auf die Verfassung der europäischen Märkte 2012 fortsetzen. Vor diesem Hintergrund spielen die großen Volkswirtschaften USA und China eine wichtige Rolle für das Wohl und Wehe der chemischen Industrie in Deutschland. Die jüngsten Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung in den USA geben Anlass zur Zuversicht, und China signalisiert deutlich, dass es mit seiner Wirtschaftspolitik weiterhin eine wirtschaftliche und soziale Stabilität anstrebt.
Margen dürften deutlich sinken
Unter dem Strich erwartet Lars Hettche, Sektoranalyst des Metzler Equity Research, dass die Gewinnmargen der großen deutschen Chemiegesellschaften 2012 weit niedriger sein werden als im Vorjahr. Der Nachfragerückgang, eingeläutet schon in der zweiten Jahreshälfte 2011, dürfte sich im ersten Halbjahr 2012 fortsetzen, und ein Großteil der chemischen Industrie werde Auftragseinbußen hinnehmen müssen. „Ein geringeres Produktionsvolumen bedeutet geringere Skaleneffekte – die Stückkosten steigen, die Rentabilität sinkt. Zudem scheinen Rohstoffe teuer zu bleiben, insbesondere Rohöl“, so Hettche. Doch sieht er auch Lichtblicke: Erwartete die chemische Industrie laut IFO-Index 2011 noch deutliche Geschäftseinbrüche für 2012, so habe sich die Stimmung seit Dezember wieder aufgehellt. Als Gewinner in diesem Marktumfeld sieht Hettche insbesondere Unternehmen mit geringen Schulden, die außerdem aufgrund ihrer Exporte von der Euro-Schwäche und von einer beginnenden Erholung der Wirtschaft in den USA profitieren. Auch ein Standbein in Asien – vor allem in China – hält er für vorteilhaft.
Einzeltitelwahl entscheidend – TOP-Picks: Lanxess und K+S
Kurspotenzial im ersten Halbjahr 2012 sieht der Metzler-Analyst in erster Linie für Lanxess und für K+S. Lanxess könne mit einer stabilen Nachfrage nach seinem wichtigsten Produkt – synthetischem Kautschuk – rechnen. In Europa dürfte das Unternehmen von einer Sonderkonjunktur profitieren: Ab November 2012 gilt eine Kennzeichnungspflicht für Reifen, die die Reifenhersteller veranlasst, ihre Produktion auf Reifen mit geringem Rollwiderstand umzustellen. Überdies wolle Lanxess mit der Ausweitung seiner Produktionskapazitäten in Asien seine ohnehin starke Marktposition in der Region ausbauen. Schließlich liege das Unternehmen in puncto Rentabilität im Branchenvergleich mit an der Spitze und sei attraktiv bewertet. Die Aktie von K+S war Ende 2011 unter Druck geraten, nachdem der Düngemittelhersteller einen nur verhaltenen Ausblick für 2012 gegeben hatte – das Kurs-Gewinn-Verhältnis liege nun deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Hettche hält jedoch positive Überraschungen für möglich: Er sieht gute Chancen, dass K+S 2012 einen höheren Preis für Kali erzielen kann als noch im Vorjahr. Auch erwartet er, dass das Unternehmen seine aktionärsfreundliche Dividendenpolitik beibehält.
Kurspotenzial auch für die Aktien von BASF, Fuchs Petrolub, Linde und Wacker Chemie
Auch für die Aktien von BASF, Fuchs Petrolub, Linde und Wacker Chemie ist Lars Hettche für das Jahr 2012 optimistisch. BASF erfreue die Anleger seit Jahren mit einer im Branchenvergleich hohen Dividendenrendite. Das weltweit größte Chemieunternehmen verfüge über ein relativ stabiles Geschäft, da es regionale Konjunkturschwankungen ausgleichen könne – sowohl dank seiner globalen Präsenz als auch mit einem diversifizierten Produktportfolio. Einen klugen Weg beschreite BASF mit dem Ausbau des weniger schwankungsanfälligen Geschäfts mit Spezialchemikalien durch Zukäufe. Zudem dürfte das Unternehmen im Geschäftsfeld Öl und Gas vom weiterhin hohen Rohölpreis profitieren. 2011 habe sich für Fuchs Petrolub zwar als Rekordjahr für den Umsatz herausgestellt, doch hätten die hohen Rohstoffkosten die Gewinne geschmälert. Für 2012 sieht der Chemie-Analyst Chancen, den Umsatz hoch zu halten: Die im Vorjahr durchgesetzten Preiserhöhungen dürften Einbußen aufgrund eines Nachfragerückgangs ausgleichen, und mit neuen Werken in Indien und China habe sich Fuchs weitere Umsatzquellen erschlossen. Zudem dürften positive Impulse von der Akquisition des türkischen Schmierstoffherstellers OPET ausgehen. Der Industriegaseproduzent Linde zählt zu den wenigen Chemieunternehmen, für die Hettche im ersten Halbjahr 2012 einen Anstieg von Umsatz und Gewinn erwartet – sowohl wegen des wenig zyklischen Geschäfts als auch wegen des hohen Auftragsbestands bei Industriegasen. Dank eines Effizienzsteigerungsprogramms dürfte das Unternehmen den Gewinn pro Aktie steigern können. Wacker Chemie litt 2011 unter den Einbrüchen in der deutschen Solarindustrie und unter der Konkurrenz aus China. 2012 könne sich aber als lukrativ für das Unternehmen erweisen: „Wir erwarten eine Konsolidierung in der Photovoltaik- und Halbleiterindustrie, in der wir Wacker Chemie als Gewinner sehen – je weniger Wettbewerb, desto stärker die Marktposition von Wacker.“
Für Brenntag und Symrise ist Metzler skeptisch
Weniger überzeugt ist der Chemie-Analyst von den Titeln Brenntag und Symrise. Der weltweit größte Chemikalienhändler Brenntag ist seit knapp zwei Jahren börsennotiert – bisher durchaus eine Erfolgsgeschichte. „Wir zweifeln jedoch daran, dass das Unternehmen 2012 ähnliche Rekordergebnisse für Umsatz und Ertrag vorlegen wird wie für die beiden Vorjahre“, so Hettche. Denn Brenntag erziele über 50 % seines Umsatzes in Europa. Der erwartete Konjunkturabschwung in Europa dürfte den Spielraum bei der Preisgestaltung einschränken und zu Umsatz- und Ertragseinbußen führen. Die Aktie von Symrise zog im zweiten Halbjahr 2011 souverän an den anderen Chemiewerten vorbei, doch dürfte dieser Höhenflug 2012 abbrechen. Hettche glaubt nicht, dass das Unternehmen seine Margenziele für 2012 erreichen kann. Denn die Duft- und Aromastoffhersteller reagieren mit unterschiedlichen Strategien auf die Wirtschaftsabschwächung in Europa: Während Symrise mit höheren Preisen seine Gewinnmarge halten und dafür auf Umsatzwachstum verzichten wolle, setze der Wettbewerb auf Umsatzsteigerung infolge von Preissenkungen. Aus diesem Szenario könne Symrise leicht als Verlierer hervorgehen. Zudem zähle die Aktie schon jetzt zu den teuersten unter den genannten Werten.
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