26.09.11
"Auch Bargeld ist nicht risikolos"
Von Dr. Johannes Reich
Johannes Reich, Partner des Bankhauses Metzler, schließt nicht aus, dass es zu Systembrüchen kommt und rät zu Diversifikation über alle Assetklassen.
Herr Reich, wie wird sich das Kapitalmarktumfeld angesichts der ungelösten Schuldenkrise entwickeln?
Eine Aussage dazu ist sehr schwierig. Ich rate Investoren, sich auf unerfreuliche Quartale einzustellen, die nervenzehrend und von hohen Kursschwankungen gekennzeichnet sein dürften. Es wird in der nächsten Zeit wohl weniger um hohe Renditen gehen, sondern eher darum, extremen Volatilitätsausschlägen auf den Kapitalmärkten zu begegnen und Risiko zu managen. Wir können derzeit auch nicht mehr ausschließen, dass wir mit Systembrüchen konfrontiert werden.
Was verstehen Sie unter Systembrüchen?
Im deutschen Versorgermarkt etwa haben wir mit der abrupten Energiewende, also der Zwangsabschaltung von Atomkraftwerken, neuen Steuern, dem Energieeinspeisungsgesetz sowie dem vermehrten Griff öffentlicher Hände nach Versorgereinheiten bereits einen Systembruch. Im Bankensektor würde er spätestens kommen, wenn IWF-Direktorin Christine Lagarde oder ähnliche Stimmen die Zwangsrekapitalisierung der Banken durchsetzen. Es ist auch nicht mehr auszuschließen, dass weitreichendste Kapitalverkehrskontrollen in Ländern Europas zu einem Normalfall werden. Die Politik geht mit Blick auf ihre Klientel fast immer vor gegen die Symptome, leider nur zu selten gegen die Ursachen von Krisen.
Was erwarten Sie mit Blick auf die weiteren Schritte der Politik?
Ich befürchte, das Durchwursteln und Geldausgeben nach dem Prinzip „Augen zu und durch“ geht mit fataler Zwangsläufigkeit weiter. Die Finanzstabilisierungsfazilität EFSF dürfte sich wachsend verselbstständigen und in den permanenten Rettungsfonds ESM überführt werden. Es gibt eine unheilige Allianz von Eurorettern, Umverteilern, Sozial- und Euroromantikern, die die strukturellen Ursachen der Krise und die wahren Verantwortlichkeiten leugnet und die Finanzhilfen permanent auf eine nächsthöhere institutionelle Ebene verschieben will, also dorthin, wo die Verantwortlichkeit für das Geldausgeben nicht mehr transparent oder parlamentarisch angemessen legitimiert ist. Es droht vielleicht auch die Vorbereitung eines veränderten gesellschaftlichen Zugriffs auf bestehende Einkommens-, Eigentums- und Vermögensrechte. Dafür, dass Staaten auch vor weitreichenden, ordnungszerstörenden Zwangsmaßnahmen nicht zurückschrecken, lassen sich in der Geschichte – gerade auch in der deutschen – genügend Beispiele finden.
Welche Rolle spielt die Europäische Zentralbank dabei?
Mit den Anleihenkäufen auf dem Sekundärmarkt betreibt die EZB quasi Fiskalpolitik und eilt den überforderten Euroregierungen zu Hilfe. Die Unabhängigkeit der EZB steht zur Disposition. Insgesamt entfernt sich die Krisenpolitik zu vieler Regierungen zunehmend von parlamentarischer Autorisierung.
Sie tragen auch Verantwortung für die Kapitalmarktstrategie Ihrer Bank. Wie werten Sie die jüngsten Entwicklungen aus langfristiger, strategischer Anlageperspektive?
Durch die Politik werden zunehmend wichtigste und Ordnung gewährleistende Preissignale der Märkte negiert und außer Kraft gesetzt. Es ist einer der großen Irrtümer der Politik, vorzugeben, man könne auf Dauer Wetter machen. Man muss sich klarmachen: Wenn die Politik – wie geschehen – großen Kapitalsammelstellen nahegelegt, Staatsanleihen überschuldeter Krisenstaaten zu erwerben, wissend, dass die eigene Krisenpolitik keine geeigneten Instrumente zur Sicherstellung des Schuldendienstes hat, kann dies möglicherweise den Charakter der Anstiftung zur Untreue bekommen. Auf Druck von Regierung und Regulator mussten Risikoaktiva wie Staatsanleihen nicht mit entsprechendem Eigenkapital hinterlegt werden. Die Regulierung schafft sich dabei gleichzeitig ihre eigene absurde Realität, indem sie alles, was nicht von einer der bekannten Ratingagenturen bewertet wird, als nicht sicher definiert.
Was soll ein Investor denn tun?
Die gegenwärtige Dynamik lässt es nicht zu, dem Anleger einen standardisierten Rat zu geben. Zu vieles spielt sich zunehmend in einer Scheinwelt ab. Wir sind in einer Situation, die es nicht erlaubt, einfach zu fragen, ob man jetzt eher in die Chemie-, die Pharma- oder die Autobranche investieren soll. Die Frage ist, was auf Dauer eine nachhaltige, vernünftige Vermögensdisposition sein kann und ob es die noch gibt. Antworten darauf zu finden, ist schwierig. Es gilt nicht mehr das Offensichtliche. Es kann so gut wie alles passieren. Die Volatilität der Märkte ist ein Indiz dafür. Wir müssen heute weit vom aktuellen Geschehen zurücktreten und stärker als zuvor eine distanzierte Perspektive einnehmen. Investitionen und Vermögensdispositionen werden dabei zu einer sehr persönlichen Angelegenheit, fast zur Glaubenssache.
Was glauben Sie persönlich?
Ich sehe tendenziell auf längere Sicht eine etwas höhere Wahrscheinlichkeit für eine Inflation als für eine Deflation. Letzterem werden die Notenbanken weiter versuchen, sich entgegenzustemmen. Die Gefahr einer Stagflation wächst damit erheblich. Die große Frage ist, wo die Überschussliquidität hingeht. Wo entsteht die nächste Blase? Leider lassen sich Blasen im Voraus in der Regel nicht erkennen
Lässt sich überhaupt noch sagen, wo wir im Anlagezyklus stehen?
Zyklen sind Koordinatensysteme in einer funktionierenden Welt. Wir stecken heute in einem Strukturwandelprozess, nicht nur der Zyklus wird zerstört. Zu viele Preise sind nicht mehr wichtige Knappheitssignale und Korrektive, sondern vielmals Zwangsvorgaben. Die Griechen kaufen sich Häuser in Bulgarien, die Deutschen versuchen es in der Schweiz, in Norwegen oder in Schweden. Viele Anleger kaufen Gold. So funktioniert langfristiger Vermögenserhalt aber nicht. Diversifikation über die Assetklassen ist alles. Meiner Einschätzung nach waren Aktien in Krisenzeiten auf Dauer kein schlechtes Wertaufbewahrungsmittel. Sie stellen Substanzwerte dar und bieten eine Beteiligung an der Produktivität und Kreativität von Unternehmen, ihrem Know-how und an Rechten.
Gibt es durch die Krise des Eurosystems nicht einen Malus für Euroaktien?
Ich glaube nicht. Es wäre auch nicht gerechtfertigt. Jede Region hat ihre spezifischen Nachteile und Vorteile, nehmen Sie die hohe Verschuldung in den USA und Japan. Die relevante Recheneinheit ist bei Aktien nicht die Währung, sondern die Vermögenseinheit, die eine Aktie repräsentiert – und diese Aktie ist dann eben so viele Franken oder Dollar oder Euro wert. Auch wenn der Euro zerfallen würde, änderte dies direkt nichts an den zugrundeliegenden Vermögenswerten. Der Siemens-Konzern etwa hat schon mindestens drei Währungsreformen überlebt.
Wie würden Sie diversifizieren?
Aktien sind eine globale Anlage. Ich kann an der Produktivität und Kreativität der ganzen Welt teilnehmen, über verschiedene Rechts-, Währungs- und Kulturräume hinweg. Deutsche Unternehmen sind nicht das Schlechteste, da sie selbst sehr global sind, sowohl was ihr Aktionariat betrifft als auch ihre Absatz- und Produktionsmärkte. Ich würde Unternehmen wählen, die regional breit diversifiziert sind. Erfolgsgeschichten der Vergangenheit, etwa große Exporterfolge nach China, würde ich nicht mehr verstärkt spielen. Attraktiv sind für mich werthaltige Nutzungs-, Verfügungs-, Marken- und Wissensrechte, etwa im Pharmabereich, in der Infrastrukturtechnik oder in der Fertigungs- und Produktionstechnologie.
Was halten Sie von erstklassigen Staatsanleihen?
Die scheinbar sicherste Anlage sind Bundesanleihen. Dabei bin ich aber sehr stark auf ein bestimmtes Rating konzentriert, auf eine bestimmte Idee der Staatsform und auf die Hoffnung, dass in diesem Land Vermögen nicht durch Zuwiderhandeln entwertet wird. Anleihen sind auch Nominalwerte, die über die Zeit bei Geldentwertung verlieren.
Sollte ein Schweizer Anleger außerhalb des Frankens investieren?
Ja, der Frankenwährungsraum wird von verschiedener Seite aus massiv attackiert. Auch hier zählt also Diversifikation. Was jedoch Investitionen in Einzelprojekte anbelangt, muss man sich das immer sehr genau anschauen. Geschlossene Fonds etwa halten wir für keine sinnvolle Anlageform. Auch wenn manche Beteiligungen außerhalb der klassischen Aktienanlage attraktiv wirken könnten, sollte man sich doch hier immer sehr genau überlegen, wie der Ausstieg aussehen könnte.
Wie viel liquide Mittel sind angebracht?
Zumindest ist Liquidität rasch und flexibel einsetzbar. Doch dies gilt nicht mehr, wenn die Systemstabilität in Frage gestellt ist. Cash ist nicht risikolos, es gab und gibt überhaupt keine risikolose Assetklasse. Überdies wird die Nutzenfunktion des Investors derzeit in Regionen geringeren Nutzens als bislang gewohnt geschoben. Eine gegebene Renditeerwartung geht mit höherem Risiko einher, ein akzeptiertes Risiko ist verbunden mit geringerer Renditehoffnung. Das gilt für alle – Individuen, Gruppen, Staaten und Regionen.
Das Gespräch führte Dietegen Müller, Frankfurt am Main. Es erschien am 24. September 2011 in der Schweizer Wirtschaftszeitung "Finanz und Wirtschaft".


