04.09.11
"Preußen hat immer pünktlich bezahlt"
Von Friedrich von Metzler
Der Frankfurter Privatbankier Friedrich von Metzler im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über gute und schlechte Schuldner, maßlose Staaten und solide Aktien für harte Zeiten.
Herr von Metzler, sind Sie ein Spekulant?
Oh nein! Ich bin ein Investor.
Aber Sie spekulieren doch am Aktienmarkt im Auftrag Ihrer Kunden.
Nein! Das Bankhaus Metzler hat noch nicht einmal Kunden, die spekulieren wollen. Wir machen das langsame Geld.
Was heißt das?
Wir versuchen die Aktien herauszufinden, die unterbewertet sind, also das Potential haben, sich langfristig gut zu entwickeln. Die kaufen wir. Von deren Entwicklung profitieren unsere Kunden.
Wieso ist das denn keine Spekulation?
Weil wir nicht auf kurzfristige Kursgewinne setzen und wir außerdem nicht mit der Herde laufen, nur um einen schnellen Erfolg zu erzielen. Wir kaufen Aktien und halten sie oftmals sehr lange, um an ihrer langfristigen Unternehmensentwicklung teilzuhaben. Viele deutsche Anleger erhoffen sich einen schnellen Kursgewinn und denken nicht an eine langfristige Performance. Bei der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt für den Kauf denken sie oft schon an den Verkauf mit einem Kursgewinn und nicht an ein langfristiges Investment Das ist nicht unser Weg.
Also ist kurzfristige Spekulation schlecht?
Ich möchte das nicht moralisch beurteilen. Vielleicht ist sie für die Wirtschaft sogar nützlich. Wir wollen da einfach nicht mitmachen.
Werden die Kapitalmärkte von hektischen Spekulanten regiert?
Nein. Diese Spielertypen fallen nur so auf, weil sich die langfristig orientierten Anleger zurückgezogen haben.
Und wo sind sie hin?
Die sind im Käuferstreik. Wir haben keine Spekulationswelle, sondern eine Welle der Zurückhaltung langfristiger Anleger. Viele Versicherungen und Pensionsfonds haben sich aus dem Aktiengeschäft zurückgezogen. Zum Teil, weil sie mussten. Versicherungen werden durch aufsichtsrechtliche Vorschriften gezwungen, Aktien gegen vermeintlich sichere Staatsanleihen zu tauschen. Aktien gelten als riskant, weil die Kurse schwanken. Dass Renten auf andere Weise riskant sind, weil dem Emittenten die Bonität fehlt, spielt offenbar keine Rolle.
Die Kapitalmärkte treiben die Politik vor sich her, ist das noch gesund.
Erst hat die Politik die Märkte getrieben. Unter anderem, weil Banken Geld, das sie in Staatsanleihen investieren, nicht mit Eigenkapital unterlegen müssen. Als ob in ihnen kein Risiko steckte. Das ist Unsinn.
Den die Kapitalmärkte lange geglaubt haben.
Ja, zumindest eine Zeitlang haben die Märkte das gemacht, was die Politik wollte: jedem Euroland Geld zu niedrigen Zinsen zu leihen, als ob sie alle die gleiche Bonität hätten von Griechenland bis Deutschland. Erst jetzt machen die Märkte eigentlich das, was die Väter von Maastricht wollten: Sie verlangen unterschiedliche Zinsen von den Ländern je nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Die Entwicklung in die andere Richtung ging aber zu schnell.
Und wie kommen wir da jetzt heraus?
Die Ursache der Krise bleibt die überbordende Verschuldung der meisten westlichen Industrienationen. Die müssen wir zurückführen. Alles andere hilft nichts, da können auch amerikanische Nobelpreisträger eine weiter gehende Verschuldung fordern. Die Staaten müssen ernsthaft sparen, um das Vertrauen zurückzugewinnen.
Aber wer soll vertrauen, dass die Staaten wirklich ihre Verschuldung zurückführen, wenn zum Beispiel gerade Italien sein Sparprogramm lockert.
Stimmt. Was die Politiker im Augenblick machen, stiftet nicht ausreichend Vertrauen. Da gibt es viele Beispiele. Da widersprechen sich die Finanzminister der Länder innerhalb weniger Stunden. Die Italiener sparen weniger als versprochen. Und drei Monate diskutieren wir über die Beteiligung der privaten Gläubiger an der Griechenrettung, die freiwillig und substantiell sein sollte. Dabei war klar, jeder Bankvorstand, der sich freiwillig und substantiell beteiligt, macht sich strafbar. So geht das nicht.
Was schlagen Sie denn vor, wie Europa die Schuldenkrise in den Griff bekommen kann?
Eine Idee wäre, jedes Land darf sich, wie im Maastrichter Vertrag ja eigentlich vorgesehen, nur bis zu 60 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verschulden. Was darüber hinausgeht, müsste über eine gemeinsame europäische Einrichtung beantragt und finanziert werden. Eine Finanzierung über den Kapitalmarkt hinaus ist dann ausgeschlossen. Alle Länder wüssten dann, dass sie gemeinsam dafür haften. Man könnte Auflagen erteilen und von dem jeweiligen Land Sicherheiten verlangen.
Im Augenblick stehen die Staaten aber gerade deshalb so schlecht da, weil sie für die Banken einspringen mussten.
Das ist falsch. Die Bankenrettung macht nur einen kleinen Teil der Staatsverschuldung aus. Die großen Schuldenberge gab es schon vorher. Sie sind durch die Maßlosigkeit der Staaten entstanden. Umgekehrt ist es richtig.
Wie bitte?
Ja, die Banken stehen schlecht da, weil sie Staatsanleihen halten. Die Schuldenkrise führt zur Bankenkrise.
Das Bankhaus Metzler hat in seiner 337-jährigen Geschichte auch Fürsten und Staaten finanziert, oder? Was haben Sie daraus gelernt?
Metzler hat früher immer Preußen finanziert, die haben pünktlich bezahlt.
Wie schlimm ist die derzeitige Krise denn aus so einer historischen Perspektive?
Wir haben viel schlimmere Krisen gesehen. Die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts waren viel härter. Mein Vater hat immer gesagt, wenn jemals wieder so eine Krise kommt, dann werden die Notenbanken Geld ins System geben. Genau das ist passiert. Das Krisenmanagement der Politik war diesmal einfach besser - und hat das Schlimmste verhindert. Aber jetzt muss durch politisches Handeln wieder Vertrauen hergestellt werden.
Wie rettet man eine Bank durch solchen Zeiten?
Das Wichtigste ist Vorsicht, Risikostreuung und ausreichende Liquidität. Wir sagen immer, man muss stets auf eine Krise vorbereitet sein. Krisen können immer kommen - wir wissen nur nicht, wie schwer sie ausfallen und aus welcher Richtung sie kommen.
Und was raten Sie Ihren Kunden, wie sie ihr Vermögen durch die Krise bringen?
Wir glauben an Aktien. Sachwerte haben sich in Krisen stets als gute Anlage erwiesen. Natürlich gilt wie immer, dass man sein Vermögen breit streuen soll, Aktien und Rententitel mischen.
Griechenland-Anleihen zum Beispiel?
Wir haben kein Geld von Privatkunden in griechische oder italienische Staatsanleihen investiert. Weil wir schon immer fanden, da gibt es Risiken, denen keine angemessene Verzinsung gegenüberstanden.
Trotz der einst guten Ratings?
Man muss sich immer auf das eigene Research und die eigene Meinung verlassen.
Gibt es dann noch eine sichere Anlage?
Bundesanleihen sind insofern sicher, als sie mit Sicherheit Verlust produzieren: Erträge minus Abgeltungsteuer und Inflation sind ein Verlustgeschäft. Trotzdem raten wir dazu. Sollte es eine Deflation geben, und dies kann auch über Nacht passieren, müssen sie auch einen Teil ihres Vermögens in Nominalvermögen wie Anleihen investiert haben. Wer sein Vermögen für die nächste Generation erhalten möchte, muss auch dies bedenken. Das heißt aber auch Renditeverzicht. Und ansonsten glauben wir an Aktien, also die Beteiligung am Produktivvermögen.
Haben Sie Beispiele?
Wir halten für unsere Kunden Werte wie BASF, Siemens und Nestlé im Portfolio. Die werden im Augenblick zu Unrecht abgestraft. Zudem sind zurzeit sogar Marktführer zu ihrem Buchwert zu haben. Das gibt es ganz selten. Diese Chance sollte man nutzen.
Was ist mit Gold?
Gold wird maßlos überschätzt. Erstens schwankt der Wert, zweitens generiert es keinen Ertrag. Halten Sie im übrigen Cash. Wer dank Liquidität in schweren Krisen handlungsfähig ist, überlebt.
Das Gespräch führten Winand von Petersdorff und Christian Siedenbiedel.
Es erschien am 4. September 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


