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07.07.11

Wir brauchen eine neue Aufklärung

Von Dr. Johannes Reich

Eine neue Aufklärung fordert Johannes Reich, Partner des Bankhauses Metzler und für das Corporate-Finance- und Equities-Geschäft zuständig, vor dem Hintergrund der Finanzkrise und stellt fünf Thesen für die Bank im 21. Jahrhundert auf.

Die Finanzkrise lehrt, dass aufgeklärte Menschen einmal mehr zu furchtlos Unheil anrichteten und – um das Wort Immanuel Kants, des Philosophen der Aufklärung, umzukehren – selbstverschuldet zurück in die Unmündigkeit fallen. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno schrieben in ihrer „Dialektik der Aufklärung“: „Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils. Das Programm der Aufklärung war die Entzauberung der Welt. Sie sollte die Mythen auflösen und Einbildung durch Wissen stürzen.“

Man könnte also fragen: Brauchen wir einen neuen Mythos, neuen Zauber, mehr Furcht? Der Homo oeconomicus, ein Kind der Aufklärung, wird mit Spott aus unserem globalen Dorf gejagt. Dieser aufgeklärte Rationalist, es gab ihn nie – sagen uns aufgeklärte Soziologen, neumodische Behavioural-Finance-Experten oder technophile Neurologen, die bunte Tomografen-Bildchen reizstimulierter Areale unserer Hirne malen. Die aufgeklärtesten Aufklärer erklären uns: Der Mensch ist ein zutiefst irrationales, triebhaftes Wesen, das Gegenteil von aufgeklärt.

Gleichzeitig führen uns Bilanz-Magier, Rating-Priester und Risiko-Illusionisten ihr Programm der Entzauberung ihrer Welt vor. Bankvorstände, Aufseher, Finanzminister, Investoren, Sparer: Alle waren von ihrer Vernunft und Aufgeklärtheit überzeugt. Viele glauben, heute schon wieder schlauer zu sein. Mächtige wollen uns vor künftigen Risiken mit vernünftigen Maßnahmen schützen, zur Räson bringen, Risiken und Krisen künftig gar verhindern, den Keim säend für die kommende Krise.

Vernünftigerweise sollten wir voraussetzen, dass nicht alles, was wir zu wissen glauben, und nicht alles, was mit Banken zu tun hat, aufgeklärt und vernünftig ist, sondern wesentlich auf Mythen und Glauben baut. Denken wir an die Mythen in den Vorkrisen-Bankbilanzen oder an die neuen Bilanz-Mythen unter neuer Regulierung. Was aber sollten wir verstehen?

1. Banken brauchen Kunden. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass das Selbstverständliche – kein Kunde, kein Geschäft – nicht für alle Banken galt. Ohne Kunden am Markt zu wetten, das ist kein Geschäftsmodell. Wo das Tun einer Bank zum selbstreferenziellen Ersatzgeschäft wird, entstehen Mythen. Mit Geschäften, die keinen Nutzen stiften, mit autistischen Wetten und ohne Kunden haben Banken keine Existenzberechtigung.

2. Banken brauchen Eigenkapital. Das Gesetz fordert ausreichend Eigenkapital zur Sicherung des der Bank anvertrauten Vermögens. Die alte Untergrenze für das harte Kernkapital von zwei Prozent war nicht mehr angemessen, die neu geplante Basel-Ill-Grenze von sieben Prozent scheint sicherer. Doch negieren Banken ihre Risiken, wird auch die höhere Kapitalanforderung neue Krisen nicht verhindern. Auch Lehman wies vor dem Kollaps eine Kernkapitalquote von zwölf Prozent aus. Eigenkapital ohne Bilanz-Qualität – und Transparenz ist nichts.

3. Banken brauchen Liquidität. Unternehmen scheitern an Liquiditäts-, selten an Substanzproblemen. Das Kreditwesengesetz verpflichtet Banken, „ihre Mittel so anzulegen, dass jederzeit eine ausreichende Zahlungsbereitschaft gewährleistet ist“. Schon im 19. Jahrhundert formulierten der Ökonom Otto Hübner die Goldene Bankregel, Adolph Wagner die Bodensatz- und Karl Knies seine Shiftability-Theorie. Letztere begegnet uns brennend aktuell bei der heftig diskutierten „Liquidity Coverage“: Welche Aktiva können denn immer ganz sicher zu Geld gemacht werden?

4. Banken brauchen Risiken. Nicht nur Banken, wir alle brauchen Risiko. Ohne Risiko keine Zukunft: Ohne Risiko keine Freiheit der Entscheidung. Ohne Risiko kein Leben. Im globalen Dorf hypersensibilisierter Risikowahrnehmung stellt sich die Frage, ob eine global vernetzte Gesellschaft funktionieren kann ohne risikohandhabende Banken? Sollen wir alle Risiken verbieten? Risiken zu transferieren und handhabbar zu machen ist Kernaufgabe von Banken im wohlverstandenen Sinn. Als Übersetzer und Übernehmer von Risiken staatlicher und privater Entscheidungen, die immer Zukunft meinen, übertragen sie diese in die Gegenwart. Wenn das Banksystem, wenn die Transfermechanik der Märkte nicht funktioniert, dann funktionieren weder Wirtschaft noch Gesellschaft.

5. Banken brauchen die Gesellschaft. Dramatisch stumpft der Sinn der westlichen Gesellschaften ab für den Wert des ordnenden Systems des Marktes. Weite Bevölkerungskreise deuten die Begriffe Markt und Marktwirtschaft negativ. Haben wir es zu tun mit einem neuen Irrationalismus, neuem Drang nach gemeinschaftlicher Selbstaufgabe? Unsere Gesellschaft zeigt eine wachsende Sehnsucht nach einer höheren, sanktionierenden Instanz für das reuelose, individuelle Verantwortung abgebende Glück. Wollen wir uns nicht immer wieder berauschen an einem deutschen Sommermärchen? Wollen wir nicht alle das Klima, unsere Unschuld, die Welt retten und heftig daran glauben, dass dies möglich sei? Vielleicht haben wir den Gipfel des Zeitalters der Aufklärung lange überschritten. Hat uns dieses nicht die Atombombe, Tschernobyl und Fukushima beschert? Hat es uns nicht Hartz IV, den Neoliberalismus, die Finanzkrise, den Kasino-Kapitalismus gebracht, die wir allesamt verbieten lassen müssen?

Jede Gesellschaft braucht ihre Fetische, Schamanen, Inquisition und Sündenböcke. Banker haben gelernt, mit der Sündenbock-Rolle zu leben. Dennoch: Wir müssen uns weiter bemühen, darüber aufzuklären, was wir tun und beitragen können zur Sicherung von Wohlfahrt! Wir müssen uns anstrengen, uns zu verbessern, und unsere Fehler erkennen. Wir sollten trotz aller Irrationalität, die in und um uns wächst, eine neue Aufklärung suchen, ohne das Irrationale zu negieren. Der Aufklärer Voltaire vertrat vehement das „Dennoch-Prinzip“, setzte Toleranz und Aufklärung gegen Entmündigung, weil er trotz allen Irrwitzes und trotz aller Irrationalität, die er als ewiges Prinzip erkannte, den Menschen und dessen Ausbruchsversuche aus der Unmündigkeit liebte. Als Postulat an die „beste aller Welten“ legt Voltaire seinem Helden Candide darum in den Mund: „Nun aber müssen wir unseren Garten bestellen.“

Dieser Beitrag erschien erstmals am 7. Juli 2011 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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