11.02.11
"Die Geldhändler" - Handelsblatt-Serie: Deutschland, Deine Dynastien. Teil 14
Von Von Robert Landgraf, Christian Panster und Sven Prange
Die Ahnen der Metzlers handelten mit Tüchern, finanzierten preußische Kriege und netzwerkten mit Bismarck.Nach mehr als 330 Jahren im Bankgewerbe ist das Bankhaus Metzler heute die letzte deutsche Privatbank in Familienbesitz, viele Konkurrenten blieben auf der Strecke. Der Grund für das Überleben: Vorsicht.
Es war ein Gespräch unter Vertrauten. Hier Friedrich von Metzler, derzeit höchster Repräsentant einer 337 Jahre alten Frankfurter Bankiersfamilie. Dort sein alter Weggefährte, auch er gut situiert, einer, der stolz ist auf sein Lebenswerk wie der Bankier.
Doch der Vertraute war niedergeschlagen. "Weil meine Schwester sich ausbezahlen lassen will, muss ich die beste Tochtergesellschaft unserer Holding verkaufen", klagte der Freund von Metzler sein Leid. Der Bankier konnte da nur mitfühlend schauen - und innerlich aufatmen. Derlei Probleme mit Familienmitgliedern sind ihm Gott sei Dank fremd.
Natürlich gab es auch mal Streitereien bei den von Metzlers, in 337 Jahren Familien- und Unternehmensgeschichte kommt das schon einmal vor. Aber die Frankfurter Familie hat es nie so weit kommen lassen, dass es der Bank geschadet hätte, und natürlich hat sie im auf Diskretion bedachten Geschäft nie etwas davon nach außen dringen lassen.
Deswegen ist das Bankhaus B. Metzler seel. Sohn & Co. heute das, was es ist: ein Bankunternehmen, das Gewinne statt Skandale produziert; das es als einziges seiner Art in die Gegenwart geschafft hat und noch immer komplett in Familienhand ist.
Untrennbar verbunden ist das Unternehmen mit den Eignern, der Familie Metzler, die über die Jahrhunderte Kontinuität hat walten lassen statt Zeitgeist und die trotzdem zu Beginn des Jahres 2011 noch modern wirkt. Eine Dynastie, die stets mit den Mächtigen zu kooperieren wusste und so in unterschiedlichsten Epochen Geschäfte machen konnte.
Vermutlich ist die Familie Metzler genau deshalb die einzige noch lebende deutsche Privatbankiersfamilie.
Die Suche nach Geist und Kultur von Bank und Familie beginnt im Heute bei Friedrich von Metzler, dem derzeitigen Oberhaupt von Familie und Bank. Der Weg zu ihm führt in das Haus Metzler, ein Gebäude, das sich betonplattenverkleidet wie eine 60er-Jahre-Sparkasse in den Schatten der 300 Meter hohen Commerzbank-Zentrale im Frankfurter Bankenviertel duckt.
Bis heute sind die Metzlers Bankiers und keine Banker. Sie machen nur, was sie verstehen.
Drinnenindes sieht es aus, wie man sich eine Privatbank vorstellt: Über Marmor geht es zum Empfang, eine freundliche ältere Dame bittet Besucher, auf einem hellblauen Biedermeiersofa Platz zu nehmen. Sich hineinsinken zu lassen, trauen sich aber nur wenige, weil das schnell nach Fläzen aussieht und der musealen Atmosphäre nicht gerecht wird. Der daneben stehende Stuhl tut es auch. An der Wand hängt ein Bild von Carl Morgenstern, dem deutschen Landschaftsmaler, das einen Blick auf das Frankfurt des 19. Jahrhunderts erlaubt.
"Hoffnung" heißt das Werk, wovon man ja in einer Bank nie genug haben kann, zumal nach Wirtschafts- und Währungs- und Systemkrisen in vier Jahrhunderten.
Der Weg ins Besprechungszimmer, in dem "FM", wie sie den milden Patriarchen in der Zentrale nennen, Gäste empfängt, führt durch einen schmalen Gang, entlang an alten Ölgemälden. Der Tisch im Besprechungszimmer ist eingedeckt mit Kaffeeporzellan, auf dem das Metzler-"M" prangt. Von den Wänden blicken die Ahnen in Öl in den Raum und wachen über ihren Nachfolger als Familienstatthalter und über seine Gäste.
Friedrich von Metzler ist ein Mann, der nicht aussieht wie die Jungs, die man so kennt aus Filmen wie Wall Street - oder deren Wiedergänger aus den Vorstandsetagen deutscher Großbanken. Sein Anblick erinnert eher an eine Zeit, in der es noch keine Banker, sondern Bankiers gab. Einen Bankier der alten Schule nennt ihn einer, der ihn schon lange kennt. Er sei jemand, der meint, was er sagt, und auf dessen Wort man sich verlassen könne, sagt ein anderer.
Von Metzler trägt einen unspektakulären anthrazitfarbenen Anzug, die Krawatte einfach gebunden, das Hemd mit einfachen Knöpfen ohne die für moderne Finanzakrobaten unerlässlichen Manschettenknöpfe in der Umschlagmanschette. Seinen Gästen serviert er einen Tee, dessen Aroma sich schon von weitem ankündigt. "Ein echter Charaktertest", spötteln seine Kollegen in der Bank - für Gäste, aber auch für Leute, die sich um eine Stelle bei den von Metzlers bewerben. Wer den Tee nicht trinkt, heißt es, könne die Stelle vergessen.
Im Gegensatz zu vielen anderen Platzhirschen in der Finanzmetropole Frankfurt betritt Friedrich von Metzler Räume gerne ohne großes Gefolge; er gleitet auf einen der Sessel, fixiert sein Gegenüber und beginnt zu plaudern.
Vor einigen Jahren noch, sagt Friedrich von Metzler, wäre er der falsche Ansprechpartner für die Frage gewesen, was in der Vergangenheit das Erfolgsrezept seiner Familie und ihrer Bank war: "Als ich jung war, habe ich mich mehr um Gegenwart und Zukunft gekümmert." Das sei aber anders geworden: "Heute muss ich sagen, dass wir doch viel aus unserer Geschichte gelernt haben."
Was also haben die Metzlers aus der Geschichte gelernt, das ihr Haus so lange überleben ließ? Etwa, dass Nachhaltigkeit vor kurzfristigen Erfolg geht; dass die Größe einer Bank allein nicht hilft oder dass ein Geldhaus besser nur Geschäfte betreibt, die seine Mitarbeiter verstehen. Das klingt zwar zunächst einmal nach den üblichen Sätzen, die Manager gerne sagen, bevor sie wieder weitermachen wie zuvor. Die Metzlers indes können die meisten dieser Behauptungen mit Beispielen belegen, wovon noch zu reden sein wird.
Das heißt aber nicht, dass die Bankiersfamilie keine Fehler gemacht hätte in der Vergangenheit. Zu Beginn des neuen Jahrtausends etwa war es keine gute Idee des kleinen Bankhauses, ein Büro im großen London zu eröffnen. Die Familie machte es wieder dicht, noch bevor es richtig losging, weil die Blase, die sich im Zuge der Euphorie um Internetunternehmen gebildet hatte, platzte und die Kurse einbrachen.
Die Kunst der Familie bestand immer darin, Stärken und Nischen zu finden und sich darauf zu konzentrieren. Bei den Metzlers und einer kleinen Bank wie der ihren bedeutet das: Das Geld der Kunden hegen, pflegen und mehren.
Der Gründer eröffnet einen Tuchhandel. Dann stellt er fest: Geldhandel lohnt mehr.
Dabei fängt die Geschichte des Unternehmens ganz anders an. Benjamin Metzler gründet es im Jahre 1674 in Frankfurt als Tuchhandel. Schon bald bemerkt er, dass die Geschäfte noch besser laufen, wenn er nicht nur Tuch verkauft, sondern seinen Kunden den Kauf auch über Kredite finanziert. Aus dem Tuchhändler wird ein Geldhändler.
Der Wandel beschleunigt sich im Jahr 1771, als mit Friedrich von Metzler, dem alten Friedrich, ein begnadeter Banker in die Geschäftsleitung eintritt. Der Namensvetter des heutigen Familienoberhaupts macht mit sogenannten Teilschuldverschreibungen - Schuldverschreibungen, die in viele kleine Teile zerkleinert werden - gute Geschäfte. Wer eine große Summe braucht, kann sie damit bei vielen Geldgebern einsammeln, was leichter ist, als einen einzigen zu finden, der die ganze Summe stemmt.
Gemeinsam mit anderen Finanzexperten ersinnt er zudem die Idee einer sogenannten Zettelbank. Sie soll den Geldverkehr erleichtern. Wer Gold und anderes Edelmetall zur Bank bringt, soll dafür eine Art Quittung bekommen, mit der er bezahlen kann, ohne die Rohstoffe mit sich herumschleppen zu müssen. Es dauert allerdings noch bis 1854, bis die Bankiers die Idee mit Gründung der Frankfurter Bank umsetzen. Aufgrund seiner Verdienste für die Stadt ernennt der Bürgermeister Frankfurts den alten Friedrich 1794 zum "Geheimen Kommerzienrat" der Stadt. Außerdem erhält er mehrere Ehrentitel wie den "des Leibbankiers des Königs beider Sizilien". In der Familiensaga der von Metzlers trägt er den Beinamen "der Große". Seine Nachfolger nehmen sich an ihm ein Beispiel.
Die von Metzlers werden zu Lieblingsbankern der Mächtigen. Sogar Bismarck schätzt sie.
Dem Brief, der Reichskanzler Otto von Bismarck am 3. September 1866 erreicht, mangelt es nicht an Dramatik: "Ich bin namenlos traurig und tief gedrückt, dass die Verfolgung unserer armen Stadt Frankfurt noch immer fortdauert. Sie wurde furchtbar heimgesucht." Absenderin: Emma Metzler, Frankfurt. Zuvor hatte die preußische Regierung Frankfurt nach der Eroberung der Stadt Kontributionszahlungen über 35 Millionen Gulden auferlegt. Metzler, engagierte Bürgerin ihrer Heimat, fürchtet um deren Existenz und schreibt ihrem alten Bekannten, dem Reichskanzler Bismarck.
Bismarck, sonst gern der Eiserne genannt, antwortet am 7. März 1867: Er sei "nicht müßig gewesen, im Interesse Ihres ‚armen' Frankfurt, und hoffe, dass sich dort alles zur Zufriedenheit ergeben wird." Die Kontributionszahlungen Frankfurts sinken auf Betreiben Bismarcks drastisch.
So halten es Generationen von Metzlers: Sie arrangieren sich im Stillen mit den Mächtigen, was ihnen im Laufe der Geschichte mehr politischen und gesellschaftlichen Einfluss beschert als vielen anderen Familien. Dieser Umstand schleicht sich sogar in den Sprachgebrauch Otto von Bismarcks ein. Was man heute Networking nennt, das nennt er zu seiner Zeit "Metzlern", weil er beim Sonntagstee in der Sachsenhausener Villa der Bankiers so ziemlich jeden trifft, der in Politik und Wirtschaft Einfluss hat. Das ist bis heute so.
In Politkreisen gilt der aktuelle Clan-Chef Friedrich von Metzler wegen seiner konservativ-skeptischen Haltung gegenüber vielen Investment- und Geschäftsbanken als der "gute Banker von nebenan". Er vermittelt seinen politischen Gesprächspartnern anders als viele andere Wirtschaftsführer das Gefühl, sie seien etwas Besonderes. Gleichzeitig kann er schwierige Sachverhalte einfach darstellen. Er hat sogar Zugang zu Bundeskanzlerin Angela Merkel, die Regierungschefin hat sich in der Finanzkrise mehr als einmal Rat bei ihm geholt.
Die Metzlers verdienen an Preußens Kriegen. Mit Napoleon wird es aber zu riskant.
So bringt die Familie über mehr als drei Jahrhunderte immer wieder Persönlichkeiten hervor, die nicht nur die familieneigene Bank, sondern auch das Land und seine Gesellschaft prägen. Sie spenden für Krankenhäuser, Museen, Brücken und Kirchen. Seit Generationen engagieren sich die von Metzlers für Wissenschaft und Kultur. Der alte Friedrich etwa tritt 1817 der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft bei, nahezu alle seine Nachkommen tun es im gleich. Aus der Vereinigung geht das Senckenbergmuseum in Frankfurt hervor, eines der größten Naturkundemuseen in Deutschland.
Heute sind die von Metzlers eine der großzügigsten Mäzenen-Familien Frankfurts. Die Metzler-Stiftung finanziert neben der Kunst soziale Projekte. Und bisweilen sprechen die Familien-Banker auch gern über dieses Engagement - aber natürlich nur so viel, dass es dem Image des Hauses nutzt und gleichzeitig den Nimbus der diskreten Zurückhaltung nicht gefährdet.
Schließlich ist das große Schweigen eine Art Markenkern der Familie - privat wie geschäftlich. Über den Unternehmensgewinn ist wenig bekannt, bis auf die Information, dass er für die Branche recht knapp ausfällt. Auch über die Kunden dringt wenig nach außen. Nur so viel: Auf der zeitgenössischen Klientenliste sollen Namen stehen wie Bayer, Degussa, der Bund oder Henkel, das ABC der Deutschland AG also.
Einfluss ist keine Frage der Größe, sondern der Reputation. Die haben sich die Metzlers über die Jahre vor allem durch Verlässlichkeit erarbeitet, unter anderem, weil sie riskanten Geschäften ausgewichen sind.
Das ist seit jeher Teil des Geschäftsmodells, etwa zur Zeit der großen Herrscherdynastien der jüngeren europäischen Geschichte. Als sich Europas Mächte im 19. Jahrhundert neu sortieren, gelangen die Bankiersfamilien zu großer Macht und großem Einfluss bei Hofe. Denn die damals gängigen Kriege sind teuer, das Geschäft mit Staatsanleihen wird zu einem rasant wachsenden und profitablen Geschäft.
Die größten Gewinne versprechen seinerzeit die in Wien regierenden Habsburger. Sie sind stets in Geldnöten und zahlen obendrein hohe Zinsen. Bankiers wie die deutschen Gebrüder Bethmann lassen sich darauf ein und verdienen zunächst prächtig mit Habsburgs chronischer Geldnot.
Anders die von Metzlers. Sie sind vorsichtig, schon damals. Das Frankfurter Geldhaus finanziert die Preußen, den Feind der Habsburger. Wegen der schwachen Renditeaussichten der Preußen-Papiere belächeln die zeitgenössischen Konkurrenten die Frankfurter Bankiersfamilie zunächst. Doch langfristig zahlt sich ihr Kurs aus. Während Preußen seine Schulden samt Zinsen stets zuverlässig begleicht, sind die Habsburger in Geldangelegenheiten weniger verlässlich. Zahlreiche ihrer Anleihen werden verlängert oder platzen gar.
Als schließlich Napoleon auf das Schlachtfeld tritt, steigen die Metzlers ganz aus dem Geschäft mit den Herrschern aus. Zu riskant die Sache, befinden sie angesichts der sich rasant wandelnden politischen Lage.
So machen sie es bis heute. Für die Metzlers geht es ja nicht um Quartalszahlen. Für sie geht es um Jahrhunderte und das Überleben des Unternehmens. Die Risiken müssen kalkulierbar sein, auch wenn am Ende die Rendite nicht so groß ist wie bei den anderen Banken und sie möglicherweise belächelt werden "für die nur mäßige Profitabilität", wie ein Frankfurter Großbanker heute spöttelt.
Es gab mal 1.400 Privatbanken in Deutschland. Heute gibt es noch die Metzlers.
Diese Vorsicht trägt die Familie von Metzler auch durch schwere Zeiten. Die Leistung der Familie lässt sich dabei erst mit Blick auf die Konkurrenten so richtig einordnen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betreiben etwa 1400 Privatbanken im Deutschen Reich ihre Geschäfte. Zwei Weltkriege und ein halbes Dutzend Rezessionen später gibt es Mitte der 1990er-Jahre lediglich noch 55 Privatbanken; heute sind es noch ein gutes Dutzend, die wirklich unabhängig von Großbanken sind - und keine davon ist außer dem Bankhaus Metzler mehr in der Hand einer einzigen Familie.
Die Bank der Oppenheims, die einst größte und stolzeste von einer Familie geführte Privatbank Europas?
Ist unter das Dach der Deutschen Bank geflüchtet und zur Zweigstelle für reiche Kunden degradiert.
Die Bank der Bethmanns?
Ist schon seit Mitte der 70er-Jahre nach und nach untergegangen.
Die Münchener Privatbankiers von Merck Finck?
Gehören künftig zum Imperium der indischen Hinduja-Gruppe.
Manche dieser Familien hatten sich auf das falsche Geschäft konzentriert, andere gingen an Familienstreitigkeiten oder Erben zugrunde, die lieber ihr Vermögen ausgaben, als ihre Bank zu führen.
Die Metzlers dagegen müssen ihr Finanzreich nur einmal wieder aufbauen - und da geht es mehr um den Firmensitz als ums Geschäft. Als 1944, kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ein Bombenangriff das Stammhaus in Frankfurt völlig zerstört, errichtet die Familie es neu.
Bis heute lebt Elisabeth von Metzler, Friedrichs Mutter ist mittlerweile 96 Jahre alt, in dem Gebäude an der Großen Gallusstraße in der obersten Etage über den Geschäftsräumen. Bis vor wenigen Jahren, erzählen sie auf Metzlers Fluren, streifte sie noch regelmäßig durch die Büros und servierte belegte Schnittchen oder Kuchen. Heute wird das Haus im Inneren nicht renoviert, um die Älteste im Metzler-Clan nicht in ihren Gemächern zu stören.
Friedrich gibt das Kreditgeschäft in den 1990ern auf. Es ist ihm zu riskant.
Ihr Sohn Friedrich, der heute die Besucher als Vertreter der Familie empfängt, ist ein vorsichtiger Bankier. 1971 übernimmt er, zusammen mit seinem Vetter Christoph, die Geschicke des Bankhauses. Nach dessen frühem Tod 1993 - er wird nur 50 Jahre alt - verabschiedet sich Friedrich vom Kreditgeschäft. Ein viel zu hohes Risiko, glaubt "FM" damals.
Wenn bei einer kleinen Bank, so die Sorge, ein großer Kredit ausfällt, hat sie ein ebenso großes Problem. Außerdem braucht, wer Kredite vergeben will, jede Menge Kundeneinlagen. Dafür aber muss eine Bank ins Privatkundengeschäft investieren, was wiederum Geschäftsstellen erfordert. Zu teuer, zu viel Konkurrenz, befindet Friedrich von Metzler. Um die Gunst der Kleinsparer buhlen in Deutschland schon die großen, internationalen Finanzkonzerne, Sparkassen und Genossenschaftsinstitute. Zwischen den Riesen ist kein Platz für die von Metzlers.
Kleine Privatbanken, die als Finanzboutiquen in der Finanzwelt Anfang des 21. Jahrhunderts überleben wollen, haben nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie fokussieren sich auf Nischen, in denen Größe keine Rolle spielt, oder sie entwickeln Speziallösungen, bei denen die Großen nicht mithalten können. Sonst müssen sie weichen. So ein Wandel aber ist nicht einfach, denn dazu gehört auch, sich einzugestehen, auf einem Feld nicht mehr zur Spitzengruppe zu gehören. Gerade in Familienunternehmen mit langer Tradition ("Was sollen nur die Verwandten denken? Und überhaupt: Wir haben das schon immer so gemacht!") ist das nicht immer einfach.
Friedrich von Metzler krempelt das Geschäft aber schließlich um, so wie es einst die Vorfahren mit dem Wandel vom Tuch- zum Geldhandel taten.
Das Geschäftsmodell passt auf ein Blatt. Der Chef trägt es zerknittert im Jacket.
Friedrich von Metzler erklärt das Geschäftsmodell seiner Bank Kunden mit meist demselben Scherz: "Wir haben extra für Sie eine Präsentation über unser Geschäft vorbereitet - genauso, wie Sie es mögen", sagt der Bankier. Und zieht dann einen einzigen, zerknitterten Din-A4-Zettel aus der Tasche seines Jacketts.
Darauf sind fünf Säulen zu sehen, die Geschäftsbereiche seiner Bank, das Fundament für die nächsten Jahrzehnte. Die Begriffe über den Säulen sind englische Wörter, aber eigentlich stehen sie für bodenständige Bankiersarbeit ohne großen Eigenhandel und derlei modernen Bankenfirlefanz: Asset-Management (Anlagegüterverwaltung), Corporate Finance (Unternehmensfinanzierung), Equities (Aktienhandel), Financial Markets (Finanzmarktgeschäfte) und allen voran das Private Banking, die Beratung vermögender Kunden. Läuft es in einem der Bereiche mal nicht so gut, sollen die anderen vier die Schwäche ausgleichen. Es soll aber auch keines der Geschäftsfelder im Vergleich zu den anderen zu stark werden, weil sonst die Abhängigkeit zu groß würde. Falls es dann Probleme gäbe, geriete womöglich die gesamte Statik des Bankhauses in Gefahr. Das darf nicht passieren, Friedrich von Metzler möchte ja nicht schuld daran sein, das Haus nach 337 Jahren kaputtgemacht zu haben. Also macht er es so, wie es die Generationen zuvor schon gemacht haben.
Risiken streuen und vorsichtig sein - das ist die von Metzler'sche Überlebensformel. Was seinen Vorfahren Napoleon war, sind heute Wall-Street-Banker, die undurchschaubare Kreditderivate zimmern. Metzler hält sich davon fern.
Und doch sind die Zeiten härter geworden für das kleine Bankhaus an der Großen Gallusstraße. Einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey zufolge haben sich die Einnahmen aus dem Geschäft mit vermögenden Kunden, der Domäne kleiner Privatbanken wie den von Metzlers, seit 2007 etwa halbiert. Weil die Kunden anspruchsvoller geworden sind - und die Konkurrenten größer. Gleichzeitig sind bei vielen Häusern die Kosten genauso hoch wie früher. Unterm Strich bleibt weniger übrig. Die goldenen Zeiten sind vorbei, folgert McKinsey.
Der Wettbewerb sei härter geworden, sagt auch Friedrich von Metzler. Über die düstere Prophezeiung, das kleine Bankhaus werde in diesem Umfeld über kurz oder lang seine Unabhängigkeit verlieren, mag er aber nur milde lächeln. "Wir haben schon ganz andere Stürme überstanden", sagt der Bankier, nippt an seiner Tasse mit dem streng riechenden Tee darin und erinnert an zwei Weltkriege, Dutzende Gebietsreformen in Europa und mindestens zwei schwere Weltwirtschaftskrisen.
Mehr als drei Jahrhunderte sind eine lange Zeit. "Die Kunden wissen, woran sie bei uns sind", sagt Friedrich von Metzler. Im Bankgeschäft gehe es zuallererst um Reputation. Geld dürfe man ab und zu verlieren, nicht aber seinen guten Ruf. Ein Satz, den jeder Mitarbeiter der von Metzlers im Schlaf aufsagen können muss. Wer nämlich den Ruf der Bank beschädigt, trifft immer auch die Familie, die ihr Schicksal auf Gedeih und Verderb mit ihr verbunden hat.
Die Metzlers sind nämlich eine symbiotische Beziehung mit ihrem Unternehmen eingegangen. Jene Familienmitglieder, die keine Karriere in der eigenen Bank machen, müssen den Geschwistern oder Cousins die Anteile verkaufen, die in der Bank arbeiten. So haben die Metzlers bis heute den Gesellschafterkreis auf fünf Personen aus der Familie beschränkt halten können und gleichzeitig für die Nachkommen eine Motivation geschaffen, die Bank nachhaltig zu verwalten. "Wenn das private Vermögen vom eigenen Handeln abhängt, ist man gleich doppelt motiviert", sagt von Metzler.
Familienmitglieder, die in der Bank arbeiten wollen, müssen aber genau dasselbe Auswahlverfahren durchlaufen wie andere Bewerber. Damit sie eine Chance haben, ermöglicht ihnen die Familie eine Ausbildung an den besten Hochschulen und Finanzhäusern der Welt. Friedrich von Metzler etwa arbeitete bei Smith Barney und Brown Brothers Harriman in London, Paris und New York sowie bei der Deutschen Bank, bevor er im familieneigenen Haus anheuerte. Wer es trotz solcher Starthilfe nicht in die Bank schafft, muss sich vom Besitz der Metzlers trennen und an die anderen verkaufen.
Der Jüngste der Geldhändler sucht den Weg vom Banker zum Bankier.
Erst gerade müht sich wieder ein junger Vertreter der Metzler-Sippe, die hausinterne Karriereleiter zu erklimmen. Leonhard von Metzler, 35 Jahre alt, promovierter Wirtschaftsingenieur. Gelernt hat er beim Pharmakonzern Schering, der zu Bayer gehört, und bei der Deutschen Bank in London; heute arbeitet der Nachkomme in der Abteilung, die auf dem zerknitterten Zettel im Jackett des Onkels "Private Banking" heißt. Trotz des Namens muss er sich im Unternehmen aber von unten nach oben hocharbeiten. Eine Garantie, dass er irgendwann wie sein Onkel an der Spitze des Partnerkreises steht? Die gibt es für ihn nicht.
Leonhard von Metzler setzt sich nun kritischen Blicken der Kollegen aus und geht das Risiko ein, auf dem Weg zur Partnerschaft zu scheitern. Großer Name und kleiner Posten, das will auf Dauer nicht zusammenpassen. Deswegen hat Leonhard von Metzler nur eine Chance: aufsteigen oder aussteigen. Allerdings ist das auch ein bisschen Leistungsmythos, den das Unternehmen gerne nährt, denn am Ende schaffen es die meisten Metzlers auch in verantwortungsvolle Positionen.
Leonhard Metzler ist ein junger Mann mit beinahe schüchternem Auftritt.Er sagt, was auch Banker so sagen, dass er die Philosophie des Hauses unterstütze, natürlich, und dass er an die Zukunft des Kapitalmarkts glaube. Aber es gibt auch einen Satz, der schon ein bisschen nach Bankier klingt und der sicher auch ein bisschen zeigt, dass es nicht leicht ist, im Haus mit dem Namen Metzler zu bestehen: "Ich verspüre ein großes Verantwortungsgefühl gegenüber der Bank und der Familie."
Für die Bank muss das nicht schlecht sein. Denn solange die Dynastie lebt, besteht die Möglichkeit, dass die Bank sich treu bleibt.
Dies war die letzte Folge der Serie "Deutschland, deine Dynastien". Alle 14 erschienenen Teile erhalten Sie als PDF unter www.handelsblatt-shop.com


