21.12.10
Interview mit Friedrich von Metzler: „Am wichtigsten ist Ehrlichkeit“
Von Friedrich von Metzler, Partner B. Metzler seel. Sohn & Co.
Im Gespräch mit dem Bankenverband erläutert
Friedrich von Metzler die Geschäftsstrategie seines Hauses und gibt eine Einschätzung der Situation
an den internationalen Kapitalmärkten.
Herr von Metzler, das Bankhaus Metzler wurde 1674 gegründet und ist seitdem in Familienbesitz. Ihre Bank hat in dieser langen Zeit viele Krisen kommen und gehen sehen. Haben Sie die letzte Wirtschafts- und Finanzkrise vorausgesehen?
Wir haben bereits 2005 unter Bezugnahme auf eine Analyse der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich gewarnt – und zwar vor einer dramatischen Fehlbewertung an den Immobilienmärkten und des damit einhergehenden Schuldenproblems. Allerdings hat auch uns der Umfang der Krise überrascht.
Ihr Haus und ihre Kunden sind dennoch gut durch die Krise gekommen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Wir glauben, dass nur eine Bank mit langfristig tragfähiger Geschäftsstrategie eine Daseinsberechtigung hat. Daher überprüfen wir regelmäßig, ob unsere Strategie noch richtig ist – also zum jeweiligen Marktumfeld und den daraus erwachsenden Herausforderungen für den Kunden passt. Wir wissen zudem, dass es keine höhere Rendite ohne ein entsprechend höheres Risiko gibt. Wir haben uns daher konsequent von intransparenten Kapitalmarktkonstrukten und den damit einhergehenden Risiken ferngehalten. Und an den Satz: „This time it’s different“ haben wir sowieso nie geglaubt.
Mit welcher Geschäftsstrategie sind Sie so lange erfolgreich?
Als Privatbank sind wir nur in Geschäftsfeldern tätig, in denen wir unabhängig von unserer Größe zumindest gleich gut oder sogar besser sein können als unsere Wettbewerber. Wir haben schon früh erkannt, dass wir als Großbank „en miniature“ am Markt keine Daseinsberechtigung haben. Wir haben angeknüpft an unsere geschäftliche Ausrichtung vor dem 1. Weltkrieg und uns nach 1945 konsequent zur Vermögensverwaltungs- und Investmentbank weiterentwickelt. Seitdem sind wir in ausgewählten Feldern des Kapitalmarktgeschäftes tätig, konkret in der individuellen Beratung von Institutionen und anspruchsvollen Privatkunden im Asset Management, Corporate Finance, Equities, Financial Markets und Private Banking. Dagegen betreiben wir keinen Eigenhandel in Aktien und das Kreditgeschäft spielt bei uns nur eine untergeordnete Rolle.
Welchen Werten fühlen Sie sich als Chef Ihres traditionsreichen Hauses verpflichtet?
Unsere grundlegenden Werte sind Unabhängigkeit, Unternehmergeist und Menschlichkeit. Beispielhaft möchte ich gerne den Wert Unabhängigkeit erläutern. Seit unserer Gründung im Jahre 1674 liegen 100 % der Unternehmensanteile in den Händen der Familie von Metzler. Dieser Umstand gab und gibt uns die Freiheit, die richtigen Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt zu treffen. Wir müssen uns nicht den Renditeanforderungen von Aktionären beugen und haben auch nicht den Druck, zum Quartalsende die gewünschten Zahlen vorzulegen. Dies ermöglicht uns, auf lange Sicht zu planen – und auch an strategisch wichtigen Projekten festzuhalten, die etwas länger zum Reifen brauchen.
Ist diese lange Tradition nicht auch oft eine Last für Sie?
Als Last habe ich die Tradition nie empfunden, eher als Auftrag – und als Chance. Die Bank hat über elf Generationen die Familie zusammengehalten. Umgekehrt hat die Familie erfolgreich die Bank erhalten und den Erfordernissen der Zeit angepasst. Die Tradition ist für mich daher auch ein Ansporn: Ich möchte das Bankhaus bestens bestellt an die nächste Generation weitergeben.
Was macht für Sie einen guten Bankier aus?
Neben den unerlässlichen Fachkenntnissen muss er einen festen Charakter haben sowie eine unternehmerische Einstellung und strategische Weitsicht mitbringen. Zudem darf er sich nicht nur über Arbeit und Geld definieren, sondern muss auch über den Tellerrand des eigenen Unternehmens und der eigenen Branche hinausschauen. Gerade in der heutigen Zeit, die geprägt ist von einer Flut an Informationen und immer schnelllebigeren Trends, muss ein guter Bankier das Gesamte im Blick behalten und ein untrügliches Gespür für das eigentlich Wichtige haben.
Was ist für Sie in Ihrer Beziehung zu Ihren Kunden am wichtigsten?
Am wichtigsten ist Ehrlichkeit. Wenn wir mit einem neuen Kunden sprechen, analysieren wir gemeinsam seine Ziele und Bedürfnisse und sprechen dabei klar an, was möglich ist und was nicht möglich ist. Danach entscheiden wir, ob eine Geschäftsbeziehung für beide Seiten sinnvoll ist. Die Verantwortung gegenüber unseren Kunden gebietet es uns, dass wir keine Erwartungen wecken – etwa an eine überzogene Rendite –, die nicht oder nur unter Inkaufnahme von hohen Risiken zu erfüllen sind.
Den Banken und Bankern wird ja immer Gier vorgeworfen. Ist das ewige Streben nach Mehr nicht auch eine wichtige Antriebsfeder für Sie als Bankier?
Das Streben nach Gewinn ist keineswegs verwerflich, sondern Grundlage einer funktionierenden Wirtschaft, die wiederum die Voraussetzung für ein intaktes Gemeinwesen darstellt. Denn das von den Banken zur Verfügung gestellte Geld ist – metaphorisch gesprochen – das Lebenselixier der produzierenden Wirtschaft. Allerdings darf das Streben nach Mehr nicht in Gier umschlagen. Thomas Mann hat es in seinen „Buddenbrooks“ auf den Punkt gebracht, als er Johann Buddenbrook, dem Gründervater des Handelsunternehmens, die Maxime in den Mund legte: „Sei am Tage mit Lust bei den Geschäften, aber mache nur solche, dass Du des Nachts ruhig schlafen kannst.“ Dahinter steht das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns, der sich in seinem Handeln niemals von Gier leiten lässt.
Der Höhepunkt der Krise ist überstanden. Was ist Ihre persönliche Konsequenz aus der Krise?
Ich sehe Lernprozesse bei vielen Marktteilnehmern, der Politik und der Finanzmarktaufsicht. Doch eine Krise kann wieder akut werden. Derzeit gibt die sehr hohe Verschuldung mancher Staaten vielen Anlass zur Sorge. Ansteckungsgefahren innerhalb des globalen Finanzsystems und auch systemische Risiken wird es weiter geben. Das muss sich jeder einzelne Akteur an den Kapitalmärkten immer wieder bewusst machen. Die grundlegende Strategie unseres Hauses, unser risikoaverser und langfristig ausgerichteter Kurs, hat sich auch in der Krise als richtig, solide und vernünftig erwiesen. Daran werden wir auch künftig festhalten. Geschäftsmöglichkeiten werden wir weiterhin in erster Linie mit unserer langjährigen Erfahrung, mit Augenmaß, Sachkunde und gesundem Menschenverstand beurteilen und nicht etwa allein anhand mathematischer Modelle. Denn eines hat uns die Finanzkrise deutlich vor Augen geführt: Finanzmärkte sind nicht zu jeder Zeit effizient – immer wieder kann es periodisch zu Übertreibungen und Krisen kommen. Und die lassen sich auch mit den ausgefeiltesten mathematischen Modellen kaum vorhersagen – und schon gar nicht beherrschen.


