12.11.10
Interview mit Johannes Reich, Bankhaus Metzler: "Die Rally des Dax ist nicht übertrieben"
Von Dr. Johannes Reich, Partner B. Metzler seel. Sohn & Co.
Research-Chef erwartet für nächstes Jahr weiter steigende Unternehmensgewinne und Aktienkurse
Börsen-Zeitung, 12.11.2010
Der deutsche Aktienmarkt zeigt in diesem Jahr eine bemerkenswerte Entwicklung. Mit einem Zuwachs im Dax von bisher rund 13 % ist er der Spitzenreiter unter den führenden Indizes der weltweiten Aktienmärkte. Zu der überdurchschnittlichen Entwicklung trägt bei, dass das Wirtschaftswachstum unerwartet hoch ausfällt, sodass sich Deutschland erstmals seit Langem in der Rolle als Lokomotive Europas wiederfindet. Die Börsen-Zeitung hat Johannes Reich, Research-Chef und Mitglied des Partnerkreises des Bankhauses Metzler mit Verantwortung für die Bereiche Equities und Corporate Finance, zu seiner Einschätzung des Aufschwungs am deutschen Aktienmarkt befragt.
Herr Reich, der Dax hat den Durchbruch nach oben geschafft und Höhen von rund 6 800 Punkten erreicht. Halten Sie es für wahrscheinlich, dass der Index in absehbarer Zeit auch noch die Schwelle von 7 000 Zählern erreicht?
Nun, bis 7 000 Punkten fehlt wirklich nicht mehr viel. Die Marke kann im Rahmen der derzeit üblichen Volatilität in zwei bis drei Tagen erreicht werden. Auch aufgrund des derzeitigen Umfelds wäre das nicht ungewöhnlich. Allerdings steigt nach der relativ langen, stabilen Aufwärtsbewegung mit jedem Tag, an dem der Index zulegt, auch die Korrekturwahrscheinlichkeit.
Wie geht es Ihrer Einschätzung nach im kommenden Jahr mit den Gewinnen und damit auch mit dem Dax weiter?
Wir rechnen mit einem weiteren Wachstum der Unternehmensgewinne. Nach unseren Schätzungen wird sich der aggregierte, gewichtete Gewinn der Dax-Unternehmen nochmals um 10 % erhöhen. Daher gehen wir auch davon aus, dass der Index im nächsten Jahr weiter steigen wird. Hilfreich ist dabei die starke Nachfrage des Auslands, insbesondere der Schwellenländer, nach deutschen Investitions- und hochwertigen Konsumgütern sowie die gute geographische Positionierung der Dax-Unternehmen auf der Vertriebs- und Produktionsseite.
Welche weiteren Faktoren stützen den Dax?
Positiv ist auch die Liquiditätssituation. Es ist eine Tatsache, dass viele institutionelle Investoren wie Versicherungen in Aktien nicht gerade überinvestiert sind, d.h. es gab bisher noch nicht den großen Run auf Aktien, der als Alarmsignal zu werten wäre. Die Bewertungen unterstreichen das. So ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Dax auf Basis der Konsensschätzungen für das kommende Jahr mit unter 11 moderat, und besonders im Verhältnis zum Rentenmarkt wirkt der Aktienmarkt noch günstiger. Die Rally des Dax ist vor diesem Hintergrund gewiss nicht übertrieben.
Welche Rolle spielen die Zentralbanken?
Der Aktienmarkt wird - zumindest derzeit - auch von der Politik der Zentralbanken gestützt. Insbesondere die Geldpolitik der amerikanischen Fed wirkt zunächst positiv. Unabhängig vom unmittelbaren Liquiditätseffekt stellt sich aber die Frage, wie die immense Geldschöpfung langfristig aus wachstums- sowie aus stabilitäts- und ordnungspolitischer Sicht zu beurteilen ist. So wird ein Arbeitsloser nicht mehr konsumieren, nur weil billige Kredite zur Verfügung stehen. Ich habe die Sorge, dass die von den Zentralbanken geschaffene Liquidität letztlich ins Leere läuft und nicht auf realwirtschaftliche Nachfrage stößt, jedoch schwerwiegende Fehlentwicklungen forciert.
Getragen von einer überraschend guten Konjunkturentwicklung ist der deutsche Aktienmarkt der Top-Performer unter den größeren Aktienmärkten. Wie beurteilen Sie die Chancen, dass sich dies fortsetzt?
Die nach der Krise wieder stark wachsende, spezielle Nachfrage der Emerging Markets, insbesondere Chinas, ist in Deutschland auf eine nahezu ideal passende Angebotsstruktur gestoßen, die intakt war und daher "just in time" liefern konnte. Sie war intakt, weil die meisten deutschen Unternehmen in der Krise flexible Arbeitszeitmodelle gefahren haben und das Kurzarbeitergeld verlängert wurde. Damit konnten die qualifizierten Fachkräfte in der Krise in den Unternehmen gehalten werden. Solange die stark wachsenden, bevölkerungsreichen Volkswirtschaften Nachholbedarf gerade in den Bereichen haben, in denen die deutsche Wirtschaft führend ist, wird auch der Dax Indizes anderer Länder schlagen können. Wenn eines Tages aber andere Schlüssel-Branchen wie etwa die Gentechnik, die Biotechnologie oder Hochleistungs-Computing in den Mittelpunkt der weltweiten Nachfrage rücken, müsste die deutsche Wirtschaft zuerst verloren gegangenen Boden gutmachen, um mit den Besten mithalten zu können.
Wo sehen Sie für die nächste Zeit die größten Risiken für den deutschen Aktienmarkt?
Eine der größten Gefahren für die Weltwirtschaft und damit für den Aktienmarkt in den nächsten Jahren ist der übertriebene Glaube an die Fähigkeit des Staates zur Wirtschaftslenkung. Was schon im nationalen Maßstab nicht funktioniert, tut es in globaler Dimension schon gar nicht. Die Weltwirtschaft und die Voraussetzungen für globale Wohlstandsfortschritte sind stark gefährdet durch Protektionismus und staatlichem Dirigismus. Hier sehe ich ein großes Risiko - gerade für die deutsche Wirtschaft, die sehr stark von Freizügigkeit und fairem, freien Handel abhängig ist.
----
Das Interview führte Christopher Kalbhenn.
URL zum Artikel: http://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2010219215


