03.01.12
"Der Euro wird bleiben"
Von Peter Köhler und Robert Landgraf
Für den Privatbankier Friedrich von Metzler gab es schon größere Turbulenzen als die derzeitige Euro-Krise. Im Interview sagt er, was die Probleme lösen könnte - und, warum Größe auf dem Finanzmarkt eine Gefahr ist.
Handelsblatt: Herr von Metzler, schämen Sie sich, Banker zu sein in diesen Tagen?
Friedrich von Metzler: Nein, ich schäme mich nicht. Natürlich gibt es in jeder Branche Übertreibungen. Zum Teil werden die Banken nun aber für Dinge in Anspruch genommen, die sie nicht verschuldet haben. Wir haben ja aktuell weniger eine Bankenkrise als eine Staatsverschuldungskrise.
Die Europäische Zentralbank (EZB) flutet die Märkte. Beim Dreijahreskredit wurden fast 500 Milliarden Euro in das Bankensystem gepumpt. Schreckt Sie das?
Nein, dem Markt fehlt nach wie vor Liquidität, und die EZB geht mit der Aufgabe verantwortungsvoll um. Man kann die Staats- und Bankenkrise auch nicht voneinander getrennt sehen. Es kann kein starkes Finanzsystem geben, wenn der Staat schwach ist. Deshalb hilft der Dreijahreskredit der EZB, den Banken und den Staaten.
Nutzen Sie dieses Angebot?
Nein, definitiv nicht. Wir haben genügend Eigenkapital und Liquidität.
Bringt die EZB jetzt die Wende in der Finanzkrise?
Nun, die Renditen am kurzen Ende beispielsweise von Spanien sinken ja schon. Man sieht: Da wirkt was! Man kann hoffen, dass es die Wende ist.
... also Optimismus für 2012?
Die Regierungen in Europa gehen die strukturellen Probleme an, kurzfristig haben wir allerdings das Liquiditätsthema. Die Refinanzierungsprobleme der Staaten und Banken werden sich bis März entscheiden. Entweder gibt es nach dem ersten Quartal noch einmal eine ganz starke Verspannung, oder die Krise ist vorbei. Dann gehen wir in eine lange Phase der Konsolidierung und schmerzlichen Verteilung der Lasten. Das wird uns dauerhaft beschäftigen. Aber wenn wir das erste Quartal überstehen, dann ist die akute Krise vorbei.
Wie hoch ist dafür die Wahrscheinlichkeit?
Ich würde sagen, 60 zu 40, dass es dann besser wird.
Im Moment überwiegt aber Schwarzmalerei. Ihr Haus existiert seit 1674. Gab es so etwas in der Geschichte schon?
Wir hatten schon ganz andere Krisen in den vergangenen Jahrhunderten. Alle Kriege waren Ereignisse von anderer Dimension. Die Lehren aus den 20er- und 30er- Jahren des vorigen Jahrhunderts waren für unser Haus sehr wichtig, weil uns von unseren Vorgängern erzählt wurde, wie sie ohne staatliche Hilfen durch die Krise gekommen sind.
Sie wurden nie gestützt?
Niemals. Wir gehen deshalb nicht in Geschäfte, in denen Größe eine Rolle spielt.
Wie waren die Erfahrungen mit Staatsanleihen?
Wir haben vor der napoleonischen Zeit Anleihen platziert bei unseren Kunden, und zwar von guten Emittenten. Die Preußen haben beispielsweise ihre Zinsen immer pünktlich bezahlt und auch ihre Anleihen getilgt. Aber das Anleihegeschäft hörte mit den Revolutionskriegen auf, das war noch vor der napoleonischen Zeit. Da wurde Frankfurt mehrmals besetzt.
Wie haben Sie damals die Bonität ohne Ratingagenturen festgestellt?
Das haben die Banken für ihre Kunden selbst gemacht. Und die Kunden waren klingende Namen, auch Fürstenhäuser. Aber schon damals gab es Unterschiede, die Habsburger galten zum Beispiel als nicht so zuverlässige Schuldner wie die Preußen.
Wurden in den Krisen auch Banken verstaatlicht wie heute?
In großen Krisen werden Banken sogar typischerweise verstaatlicht. Denn die Häuser sind ja immer gehebelt, und bei hohen Kreditausfällen können sie das nicht verkraften. In Deutschland wollte aber die Politik nach dem Krieg auch wieder schnell private Großbanken haben, die Deutsche Bank, Dresdner Bank und Commerzbank waren deshalb sehr schnell wieder an der Börse.
Wird die Bankenbranche auch in Zukunft wieder reprivatisiert?
Das hängt von zwei Fragen ab: Gibt es wieder privates Kapital? Und: Wollen die staatlichen Eigentümer loslassen? Wir befanden uns bis zur Krise in einem Privatisierungsprozess und erleben jetzt eine Umkehr, auch in der politischen Willensbildung. Aber irgendwann wird sich wieder die Ansicht durchsetzen, dass der Staat nicht der bessere Unternehmer ist. Außerdem braucht er Geld für die Haushaltskonsolidierung.
Können Privatbanken angesichts der harten Regulierung auf Dauer überleben?
Wir brauchen den Kapitalmarkt für unsere Finanzierung nicht. Unser Geschäftsmodell beschränkt sich seit Jahrhunderten auf die Beratung unserer Kunden. Wir sind außerdem sehr liquide. Durch unsere Vermögensverwaltung verfügen wir immer über Kassenbestände.
...aber die Auflagen gehen weiter. Denken Sie nur an die Bankenabgabe und die Transaktionssteuer auf Finanzgeschäfte.
Wir werden weiter aus eigener Kraft am Markt bleiben, wir brauchen auch keinen Partner. Und ein Kapitalproblem haben wir nicht: Unsere harte Kernkapitalquote liegt über 20 Prozent. Und wir könnten problemlos mehr zeigen.
Wo drückt dann der Schuh?
Beim allgemeinen bürokratischen Aufwand. Wir haben etwa die Wertpapierberatung für Privatkunden eingestellt. Ein Beratungsprotokoll für Kunden, mit denen wir langjährige Beziehungen pflegen, passt nicht, das ist regulatorischer Unsinn. Wir machen nur noch Vermögensverwaltung, und die Kunden verstehen das auch.
Bleibt die Transaktionssteuer...
...und die könnte je nach konkreter Ausgestaltung gefährlich werden. Vielleicht weichen dann internationale Kunden aus und kaufen ihre deutschen Aktien nur noch im Ausland. Auf jeden Fall gehen dann hierzulande gute Jobs verloren. Plätze wie Singapur freuen sich darauf, von uns Geschäft zu bekommen. Dass unser Kapitalmarkt unterentwickelt ist, das hängt auch ganz stark an falscher Regulierung in der Vergangenheit. Deutschland hat deshalb auch zu wenig Geld am Kapitalmarkt, weil uns die Pensionsfonds fehlen. Das Geld fehlt der Wirtschaft für die Börse, deshalb sind die großen Dax-Unternehmen überwiegend in Auslandsbesitz.
Viele Bürger haben Angst vor einer Art Währungsreform. Wie steht es mit Ihnen?
Nein. Wir glauben, später wird man einmal sagen, diese Zeit war der Wendepunkt in der Staatsverschuldung. Der Euro hat jedenfalls dazu geführt, dass man das Thema endlich angehen musste. Und der Euro wird bleiben.
Aber die Bürger sind verunsichert.
Ja, weil es im Kern um nicht gehaltene Versprechen der Staaten geht. Damit sind wir konfrontiert. Wenn man zu den expliziten Schulden noch die impliziten Verbindlichkeiten der sozialen Sicherungssysteme hinzurechnet, dann offenbart sich erst das ganze Ausmaß des Problems. Die Regierungen werden nicht alle alten Versprechen erfüllen können.
Haben Sie eine Lösung zur Hand?
Historisch gesehen gibt es jetzt immer die Möglichkeit, etwas wegzunehmen, etwa über Kürzungen oder Sparen. Die zweite Variante ist die Umverteilung etwa über höhere Steuern. Die dritte Variante ist die Scheinerfüllung mit wertloserem Geld. Wenn wir heute nach Großbritannien schauen, dann finden wir Elemente aller drei Lösungen. Die Staatsverschuldung ist immens, man spart deshalb und erhöht die Steuern. Und man lässt eine Inflation laufen, die substanziell über der Verzinsung öffentlicher Papiere liegt. Dem kurz anlegenden Sparer nimmt man dort rund 4,5 Prozent im Jahr einfach weg.
Wie wird die Realität aussehen?
Man muss eine Balance finden bei der Lastenverteilung. Und für Politiker sind die Leiden, deren Verursacher man nicht genau identifizieren kann, die angenehmsten.
Soll man dann eher auf Sachwerte setzen?
Ja, und da denke ich in erster Linie an Aktien. Aktien zu kaufen heißt investieren, nicht spekulieren.
Herr von Metzler, vielen Dank für das Interview.
Das Interview führten Peter Köhler und Robert Landgraf


